Der Alptraum von Tor Njaa

Der Alptraum von Tor Njaa

Der erste perverse Torturfall, der im Arkiv registriert wurde, war die grauenvolle Be­hand­lung des Han­dels­be­voll­mäch­tig­ten Tor Njaa aus Flekke­fjord. Er wurde am 1. Mai 1942 in Verbin­dung mit der Tela­våg­-Af­färe ver­haftet. Nach der Verhaf­tung in seinem Zuhause wurde er zum Polizei­revier in Flekke­fjord gebracht. Dort wurde er sofort einem Verhör unter­zogen. Von diesem Zeit­punkt an durch­lebte er einen Alp­traum, den man beinahe nicht be­schrei­ben kann.

Bei der Verhaf­tung des Han­­dels­­­be­­voll­­mäch­­tig­­ten Tor Njaa mach­te die Si­cher­heits­polizei einen grossen Fang. Er war nämlich der Leiter der Militär­orga­nisa­tion in Flekke­fjord und Umge­bung. Ausser­dem war er stark betei­ligt an der Erkun­dungs- und Sa­bo­tage­grup­pe CHEESE. Njaas Geschäft fun­gierte als „Brief­kasten" für Mel­dungen, die über den Ra­dio­sen­der in Helle gesen­det werden sollten. Viel deutet darauf hin, dass die Sipo nichts von diesen Ver­hält­nissen wusste. Sie nahmen an, dass er bri­tischer Agent war, der in direk­tem Kon­takt zum Secret Service in Eng­land stand.

Trotzdem war dies mehr als gefährlich.

Bei der Abfüh­rung ver­suchte Tor Njaa eine gehei­me Über­sicht, die er am Körper ver­steckt hielt, loszu­werden. SS-Haupt­schar­führer Friedrich Albert Lappe ver­suchte sofort zu verhin­dern, dass dies Papier zerstört wurde. Unter dem Ver­such, sich dieser Liste zu bemäch­tigen, kam es zu einem kräf­tigen Hand­ge­men­ge zwi­schen diesen beiden. Es en­de­te damit, dass Njaa den deut­schen Krimi­nal­be­dienste­ten „knock-out" schlug. Lappe musste ins Kranken­haus. Für meh­rere Tage ging er mit einem schwar­zen Lappen über dem einen Auge.

Merkwürdigerweise nahm Lappe keine Rache.

Tor Njaa wurde auf dem Hintergrund der Vorkommnisse in Telavåg verhaftet.[1] Die Si­cher­heits­polizei in Kristian­sand empfing im Mai 1942 ein Tele­gramm vom Kom­man­deur in Stavanger. Dies kam ur­sprüng­lich aus Bergen ­und hatte den Titel „Aktion Tela­våg". Im Schrei­ben vom Kom­man­deur wurde die Aussen­dienst­stelle Kristian­sand S. aufge­fordert folgende Personen augen­blicklich zu verhaften:

  1. Han­dels­be­voll­mäch­tig­ter Tor Njaa, Flekke­fjord
  2. Handelsreisender Kåre Austad, Flekke­fjord
  3. Mechaniker Helge Austad, Flekke­fjord
  4. Redakteur Johannes Seland, Farsund

Diese vier Personen sollten einer Waf­fen- und Sabo­tage­orga­ni­sa­tion in Flekke­fjord und Farsund ange­hören. Kurier / Nach­richten­agent Kåre Austad und Johannes Seland wur­den von nor­we­gi­schen Polizei­kontak­ten in Kristian­sand ge­warnt.[2] Beide konnten dem Zu­griff ent­kommen.

Kåre Austad sass im Tagzug von Oslo nach Kristian­sand, und als dieser auf dem Bahn­hof Nelaug hielt, wurde er von Inge­nieur Rolf Ellingsen, dem Chef der Kampf­gruppe 3 im Setes­dal­­ab­schnitt, aus dem Zug ­geholt. Austad machte sich umge­hend auf den Weg ins Setes­dal und ging in einer Hütte in Deckung. Diese Hütte trug den wirk­lich pa­trio­tischen Namen „Jössing­bu". Über einen unweg­samen Flucht­weg gelang es ihm nach Schwe­den zu kommen. Von dort ging die Reise weiter nach Eng­­land, wo er sich der Kom­panie Linge an­schloss und zum Radio­tele­­gra­­fisten ausge­­bildet wurde.[3]

Redakteur Johannes Seland nahm den kür­zesten Weg zum „Nazi" Gunwald Tomstad in Helle, um Deckung zu suchen. Später flüch­tete er nach Schwe­den. Bei seiner Ankunft in Stock­holm wurde er für so wichtig ein­ge­schätzt, dass er mit dem ersten besten Flug­zeug nach Eng­land befördert wurde. Dort begann er im Infor­ma­tions­dienst der nor­we­gi­schen Re­gierung. Er redi­gierte die „Norsk Tidend" (Die Norwegische Zeitung).[4]

Die anderen im Quar­tett, Tor Njaa und der 17-jährige Helge Austad wurden leider ver­haf­tet.[5]

Die Wahr­heit sollte heraus­ge­prü­gelt werden

Nach den Tumulten in Flekke­fjord wurde Tor Njaa nach Kristian­­sand gebracht. Nach ei­nem Standard­verhör - in dem Njaa sich weigerte überhaupt etwas zu sagen, drohte ei­ner der Gestapoleute ihm damit, dass „die Wahrheit ihm am Abend schon heraus­ge­prü­gelt wer­den würde". Danach musste Njaa eine besonders grausame Behandlung über sich ergehen lassen. Wahrscheinlich war er einer von denen, die am aller härtesten in der „Hochburg der Tortur" heran genommen wurden.

Die Deutschen hatten den starken Verdacht, dass Tor Njaa eine besonders wichtige Per­­son in der Wider­stands­bewe­gung war. Sie nahmen an, dass, wenn sie ihn zum Spre­chen brachten, er ihnen alle Namen seiner Mit­ver­schwo­renen geben konnte.

In diesem Falle aber fanden die Gestapoleute ihren Übermann.

Njaa war von Seiten der Natur mit einer überaus robusten Physik aus­ge­stat­tet. Ausser­dem war er eine psychisch starke Person. Die Ge­sta­po­scher­gen erfuhren rasch, dass trotz der bestialischen Tortur, der er ausgesetzt war, sein Mund mit sieben Siegeln ver­schlossen blieb. Zum Schluss mussten die Gestapoleute aufgeben. Mit dem kamen sie nicht zurecht; was sie erreicht hatten war, dass sie es fertig gebracht hatten, ihn beinahe zum Krüppel geschlagen zu haben.

Militärgefängnis auf Odderöya

Nach dem Aufent­­halt im „Arkivet" wurde Njaa in das deut­­sche Militär­ge­fäng­nis auf der Halb­insel Odder­öya trans­­portiert.[6] Später wurde er ins Kreis­­ge­­fäng­­nis Kristian­­sand über­­führt. Am 28. August 1942 musste er in Möllergate 19 in Oslo ein­sitzen.

Unter dem Auf­rollen der Laudal-Orga­ni­sa­tion kamen Infor­ma­tio­nen ans Licht, die Njaa an diese Orga­ni­sa­tion banden. Am 5. Januar 1943 wurde er so wieder ins Arkivet zu­rück­ge­führt. Hier musste er einige der grau­sam­sten Tortur­metho­den, über die die Ge­sta­po­­leu­te verfügten, durchleiden.

Anfangs musste er die Behand­lung im Kontor Kerners über sich ergehen lassen. Aber wieder mussten die Gestapo­­leute fest­stellen, dass Njaa immer noch ein ausser­ge­­wöhn­lich har­ter Bursche war. Aus ihm bekamen sie nichts heraus. Die unmenschliche Be­hand­lung durch­stand er trotz­dem ohne nach­zu­geben. Kerner stoppte einmal eines der Verhöre, weil der Rücken des Flekkefjordmannes wie ein einziger Blutkuchen war. Als Ver­geltung befahl der Arkiv-Chef, dass dem wider­spen­sti­gem Gefangenen Klemm­schrau­­ben an den Füssen angelegt werden sollten.

Tor Njaa wurde über drei Wochen hinweg systematisch miss­han­delt.

Das un­mensch­liche Auf­treten der Gestapo führte dazu, dass er nach und nach kräftige Blut­er­güsse am Körper bekam. Kurz danach kam es zu Infek­tionen in den offenen Wun­den.

Auf Wasser und Brot in 30 Tagen

Njaa wurde danach alle normale Nahrung verweigert. Ganze 30 Tage lebte er nur von Was­ser und Brot. Ausserdem lag er eine ganze Woche lang in der Dunkelzelle und über 40 Tage auf hartem Lager. Nur wenige, wenn überhaupt jemand, bekam eine härtere Be­handlung im „Arkivet" als dieser 31-jährige, auf­rechte Wider­stands­mann aus Flekke­fjord.

Es ist kaum zu fassen, ist aber unbestrittenes Fakt, dass der hart gefolterte Wider­stands­­­mann es fertig brachte für seine mehr zermürbten Mitgefangenen zu Trost und Auf­mun­te­rung fähig sein konnte. Mit seiner an­spor­nen­den Hal­tung ver­mochte er, dass sie die Situa­tion in helle­rem Licht be­trach­teten. Der Bau­arbei­ter Ragnvald Ugland, Evje, traf auf Tor Njaa im Kristian­sand Kreis­ge­fäng­nis. Der Flekke­fjord­mann sagte da: - Du bist Kom­mu­nist und ich ein Bür­ger­li­cher, aber hier sind wir beide Nor­weger.

Njaa gab ihm dann einige Brotstückchen durch ein Loch in der Tür. Als Njaa weiter­trans­por­tiert werden sollte, sagte er opti­mi­stisch zu Ugland: - Halt aus! Njaas männ­li­ches Auf­treten war von grosser Stütze für den hart ge­prüf­ten Kom­mu­nisten. Als die Ge­stapo schliess­­lich einsah, kein Ge­ständ­nis von Njaa zu erhalten, blieb er von weiteren Peini­gun­gen verschont. Am 17. März 1943 wurde er nach Oslo in das Ge­fan­ge­nen­lager Grini zurück­ge­führt und am 4. November 1943 als NN-Gefangener nach Deutschland ver­frach­tet.

Der hoch gewach­sene Wider­­stands­­mann starb ver­mut­lich am 5. September 1944 wäh­rend des Eisen­bahn­trans­por­tes von Natz­weiler­-Strut­hof nach Dachau. Die ernor­men Bela­stun­gen nach der Folte­rung im Arkivet hatten sein Lebens­licht zum Erli­schen ge­bracht.

Daumendickes Narbengewebe

Tor Njaa kam in Deutschland ums Leben und konnte nach dem Krieg aus diesem na­tür­li­chen Grund keine Erklärung abgeben. Die Umstände für die bestialische Folter, der er unterworfen wurde, musste deshalb auf dem Hinter­grund von Zeugenerklärungen re­kon­stru­iert werden. In der Sache wegen Landes­verrats nach dem Krieg gegen den nor­we­gi­schen Staats­poli­zisten Ole Wehus, ent­wickelte sich die fürch­ter­liche Miss­hand­lung des Flekke­fjord­mannes zu einem der Haupt­punkte.

Der Arzt Dr. Odd Benestad, Kristian­sand, der selbst Gefan­gener im Arkiv war, erklärte, dass er mit Hilfe der nor­we­gi­schen Wäch­ter die Gele­gen­heit bekam, Njaa zu unter­su­chen.

Dr. Benestad stellte fest, dass sich Gangräne (Ge­webs­er­stickung) in den Wunden ent­wickelt hatte. - Wenn die Zellen­tür geöffnet wurde, konnte man den Gestank kaum aus­halten. Es roch verfault auf­grund der Infek­tionen. Ver­suchte Njaa sich auf­zu­rich­ten, fiel er be­wusst­los um, erklärte Dr. Benestad. Er hatte Njaa ausser­dem im Grini­-Gefan­­ge­nen­­­la­ger im Oktober 1943 wegen der Schä­den, die ihm im Arkivet zugefügt worden waren, in Behand­lung. Die Wunden waren immer noch offen.

Sigurd Rugsland, Birkenes, der im Arkivet die Zelle mit Njaa teilte, erzählte, dass hand­flä­chen­grosse, verfaulte Fleisch­stücke abfielen, da wo Njaa ge­schla­gen worden war. Daumen­dickes Narben­gewebe wuchs aus den Wunden heraus.

Geradezu „in Stücke geschlagen"

Der Acker­bau­fach­mann Leiv Kvåvik, Lyngdal, wurde am 16. März 1943 verhaftet.[7] Ähn­lich wie Tor Njaa wurde auch er fürch­ter­lich gefol­tert. Kvåvik wurde så stark miss­han­delt, dass das Blut durch seine Be­klei­dung drang, und er unter ärzt­liche Be­hand­lung ge­bracht werden musste.

Der Schiffs­makler Bernt Georg Reinhardt, Kristian­sand, der nach dem Krieg in der Lan­des­­ver­rat­sa­che gegen den Staats­poli­zisten Ole Wehus aus­sagte, erklärte, dass Kvåvik zu­sam­men­hän­gend über drei Wochen lang gefol­tert wurde. Er wurde gleichsam „in Stücke geschlagen". Reinhardt hörte, was sich abspielte, weil die Miss­hand­lung über seiner Zelle, wo er sass, vor sich ging.

 

 

Quelle:

Taraldsen, Kristen: Arkivet - Hochburg der Tortur,

Originaltitel:

ARKIVET - torturens höyborg - ISBN 82-993723-4-8

©

Stiftelsen Arkivet, Kristiansand S. - 2003

 

Deutsche Übersetzung: Peter L. K. Praefcke (PP)